Partizipation an Hochschulen
Eine Notiz über ein selbstverständliches Wort. Über drei Pole, zwischen denen Partizipation in Hochschulen pendelt.
Universitäten sind partizipative Organisationen, formal verankert in Grundordnungen, in Antragsbedingungen, im Selbstverständnis der Institution. Partizipation gehört zur Hochschule wie die Bibliothek und das International Office. Niemand muss sie verteidigen; alle setzen sie voraus.
Bemerkenswert ist, dass diese Selbstverständlichkeit nicht nur formaler Natur ist. In den meisten Workshops, die ich begleite, wird Partizipation auch grundsätzlich gewollt — auch von Personen, die längst Machtpositionen einnehmen und sich noch gut daran erinnern, wie es war, als sie das nicht taten. Eine offene Ablehnung, ein Bekenntnis zum Durchregieren, kommt sehr selten vor. (Auch dann nicht, wenn es wirklich praktisch und eine Erleichterung wäre :-).) In dieser Hinsicht ist die Hochschule eine ziemlich konsistente Institution.
Trotzdem ist das Aufsetzen konkreter partizipativer Verfahren häufig frustrierend. Das liegt daran, dass Partizipation in der Praxis zwischen drei Polen pendelt; schauen wir sie einmal an.
Pol 1: Strukturelle Selbstverständlichkeit
Der erste Pol ist die formale Verankerung. Partizipation ist nicht optional. Sie steht in Ordnungen, sie ist Voraussetzung für bestimmte Anträge, sie ist Teil der akademischen Selbstverwaltung — sei es in Berufungsverfahren, in Studiengangsentwicklung, in strategischen Prozessen. Wer Partizipation in einem konkreten Verfahren weglassen würde, müsste das begründen, und die Begründung wäre angreifbar.
Dieser Pol erzeugt eine eigentümliche Konstellation: Partizipation wird nicht primär eingerichtet, weil sie sinnvoll ist, sondern obwohl sie aufwendig ist — als Erfüllung einer Anforderung, die nicht zur Disposition steht. Das ist nicht zynisch gemeint. Es beschreibt nur den Ausgangspunkt: Partizipation ist eine Bedingung, mit der gearbeitet werden muss; sie steht nicht zur Wahl.
Pol 2: Ressourcenrealität
Der zweite Pol ist Knappheit. Partizipative Verfahren sind nicht effizient, und sie können es strukturbedingt auch nicht sein. Sie brauchen Zeit, sie brauchen Vorbereitung, sie brauchen Räume, sie brauchen Folgekommunikation. Wer eine Strategie partizipativ entwickelt, benötigt dafür ein Vielfaches der Zeit, die eine kleine, gut informierte Runde brauchen würde.
Unter Bedingungen, in denen Ressourcen knapper werden — und in Hochschulen werden sie das seit Jahren, ach, sie waren es eigentlich schon immer —, wählen Organisationen die effizientesten Wege. Die Konsequenz ist, dass partizipative Verfahren häufig in einer Variante stattfinden, die die formale Anforderung erfüllt, ohne den Ressourcenrahmen zu sprengen. Damit verschiebt sich, was Partizipation in der Praxis bedeutet: weniger gemeinsame Prozesse, mehr situative Anhörung; weniger gemeinsame Strategieentwicklung, mehr Sammeln von Beiträgen, die dann an anderer Stelle verarbeitet werden — oder eben auch nicht.
Pol 3: Die Folge-Verpflichtungen
Partizipation produziert Material. Sie bringt Themen, Anliegen, Beobachtungen, Vorschläge hervor, und ein Teil davon liegt regelmäßig außerhalb dessen, wofür das partizipative Verfahren überhaupt eingerichtet war.
Eine Strategie-SWOT bringt Punkte über die Wohnungssituation für Studierende hervor. Ein partizipativer Workshop zur Studiengangsentwicklung bringt Aussagen über das Klima im Dekanat hervor. Eine Anhörung zur Gleichstellung bringt Erfahrungen mit konkreten Personen hervor. All das ist legitim, und nichts davon ist im laufenden Verfahren bearbeitbar. Es müssten Parallelverfahren stattfinden, die nicht vorgesehen sind und für die keine Ressourcen eingeplant sind.
Hier entsteht die eigentliche Spannung. Wer in einem partizipativen Verfahren den Fokus hält, also Themen, die nicht zum Verfahrensgegenstand gehören, freundlich, aber bestimmt anderswo verortet, hat fachlich recht. Wer sie aufnimmt, sprengt das Verfahren. Wer sie ignoriert, beschädigt das Vertrauen der Teilnehmenden in den partizipativen Anspruch der Institution. Es gibt keinen Weg, der alles befriedigt.
Die Asymmetrie derer, die das Pendeln kennen
Wer länger in akademischen Organisationen arbeitet, kennt dieses Pendeln. Solche Personen lesen partizipative Einladungen anders. Sie wissen, wann Partizipation in einer Veranstaltung bedeutet: Wir würden gern hören, was Sie zu sagen haben, und werden es dokumentieren, damit das Verfahren formal sauber ist.
Für die anderen — und das sind oft die mit weniger institutioneller Erfahrung — sieht dasselbe Format anders aus. Sie nehmen die Einladung ernst und erwarten, dass ihre Beiträge das Verfahren beeinflussen. Wenn das nicht geschieht, erleben sie es als nicht gehaltenes Versprechen. Das ist eine angemessene Lesart der Einladung, die ihnen geschickt wurde. Keine Naivität.
Aber aus dieser Asymmetrie entsteht ein Vertrauensproblem, das selten benannt wird. Wer wiederholt erlebt, dass Partizipation in Wirklichkeit eine andere Funktion erfüllt als die ausgeschriebene, lernt die institutionelle Lesart oder zieht sich zurück. Beides ist für eine partizipative Organisation ein Verlust.
Was sich daraus ergibt
Aus diesen drei Polen folgt, dass Partizipation eine andere Anforderung an Führungskräfte und Prozessverantwortliche mit sich bringt. Sie können die Frage beantworten: Was leistet Partizipation in diesem konkreten Vorhaben — und was nicht?
Wer die Antwort auf diese Frage kommuniziert, macht zwei Dinge zugleich. Er:sie nimmt die formale Anforderung ernst, ohne sie überzustrapazieren. Und er:sie respektiert die Teilnehmenden, weil sie erkennen können, woran sie sind. Wie sie es dann bewerten, ist nochmal ein anderer Punkt.
Eine Frage, mit der man arbeiten kann
Wenn ich vor einem partizipativen Verfahren eine Frage anbieten sollte, die mehr klärt als die methodische Vorbereitung, dann diese:
Welche Art von Partizipation ist hier möglich — Anhörung, Mitsprache, Mitentscheidung — und welche nicht?
Und sagen wir das den Teilnehmenden so, dass sie ihre Erwartungen anpassen können?
Die Frage ist deshalb unbequem, weil sie verlangt, etwas auszusprechen, das in der akademischen Praxis lieber (und auch mitunter sinnvollerweise) implizit bleibt. Sie schützt aber genau dadurch das, was Partizipation in Hochschulen leisten kann: dass Partizipationsformate nicht als Pseudo-Beteiligung erlebt werden, die einen Haken auf einer Checklist setzen.

